Was machst du mit der Zeit, die frei wird?
Hallo.
vor Kurzem hat mich jemand gefragt, wie ich „das" eigentlich alles schaffe. Ob ich Tipps hätte, Produktivität, Selbstmanagement, so etwas. Der klinische Alltag ist komplex, viele kommen nicht hinterher, und ich gelte wohl als jemand, die verdächtig viel wegarbeitet. „Übermenschlich" hat das der ein oder die andere schon genannt.
Ich habe die Antwort ein paar Wochen vor mir hergeschoben, weil sie ehrlicherweise lautete: Meine eigenen Systeme sind gerade alle gescheitert.
Ich habe wirklich alles ausprobiert
Ich habe in meinem Leben so ziemlich jedes System ausprobiert, das verspricht, Ordnung in Arbeit und ins Leben zu bringen. Papierkalender, diverse Apps, Methoden mit wahlweise drei oder mehr Buchstaben, Listen mit Unterlisten. Zuletzt fast zehn Jahre lang ein eigenes System, das unter anderem aus Notion-Datenbanken bestand und das ich immer weiter ausgebaut habe, jedes Jahr eine Ebene komplexer als das Jahr davor.
Keines davon hat je richtig funktioniert – und nein, das lag nicht daran, dass ich es nicht benutzt habe. Sie haben einfach eine Weile getragen und dann nicht mehr.
Lange dachte ich, das liegt an den Systemen. Heute weiß ich, woran es wirklich lag: Ich habe mich immer in ein fertiges System hineingezwängt, statt mir eines zu bauen, das zu meiner Art zu denken und zu planen passt. Mein Notion-System kam dem noch am nächsten - weil es selbst gebaut war und es hat entsprechend lange gehalten. Aber das hatte Grenzen - und genau an die bin ich in letzter Zeit immer häufiger gestoßen.
Und dann wurde es richtig komplex
Seit Juni bin ich nun Vollzeit-Unternehmerin - die LernRad ist nicht mehr nur eine Nebenbeschäftigung, sondern ich kann viel Zeit und Energie hineinstecken. Zusammen mit meiner Geschäftspartnerin. Aber mit jedem Schritt, den wir weiter gegangen sind, mit jeder neuen Idee, die wir jetzt umsetzen, ist es komplexer geworden. Mehr Kurse, mehr Kanäle, mehr Ideen, mehr Termine, die voneinander abhängig sind. Ein Kursteil ist nicht in drei Tagen gebaut.
Komplexität ist eigentlich das, worin mein Kopf besonders gut ist. Ich denke gern in vielen Ebenen gleichzeitig, und darauf konnte ich mich immer verlassen. Deshalb hat es so lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ich diesmal nicht mehr mitkomme.
Der Punkt, an dem es gekippt ist, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Die Planung war irgendwann mehr Arbeit als die Arbeit, die ich in derselben Zeit hätte schaffen können.
Ab da löscht man nur noch Feuer. Man erstellt Inhalte am Tag, bevor sie raus müssen. Man ist nicht mehr Herrin über die eigene Planung, sondern rennt ihr hinterher. Und meine Geschäftspartnerin hatte erst recht keine Chance mehr, denn sie musste auf Zuruf Kursteile reviewen oder „mal eben schnell" andere Dinge tun - was bei ihrem harten Klinikjob einfach eine Zumutung war.
Also habe ich zwei Wochen Pause gemacht. Keine Sommerpause, sondern eine Zwangspause, um überhaupt wieder in einen Rhythmus zu finden. Deshalb ist auch die letzte Ausgabe hier ausgefallen.
Der Geburtstag im Schlossgarten
Ungefähr zur selben Zeit hat meine Tochter angefangen, Apps zu bauen. Einfach so, mit einem Sprachmodell. Ich fand das ziemlich cool, weil ich früher selbst gern programmiert habe und heute Dinge im Code umsetzen kann, für die mir eigentlich die Ausbildung fehlt.
Ich wollte also erst mal nur technisch schauen, ob es eine Alternative zu meinem alten System gibt. Und ich hatte gehört, dass Fable 5 besonders gut darin sein soll, strategisch zu denken. Ich wollte wissen, ob das stimmt.
An meinem Geburtstag war ich also bei bestem Wetter im Schwetzinger Schlossgarten unterwegs und habe mich im Sprachchat mit ihr (ja, für mich ist das eine „sie" - keine Ahnung warum, wahrscheinlich, weil ich ihre Stimme auf weiblich eingestellt habe…) unterhalten. Meine Frage war eine strategische: Wie bekomme ich die vielen Bälle, die ich in der Luft habe, in eine Balance? Wie schütze ich meine Zeit davor, komplett aufgefressen zu werden? Wie bekomme ich diese komplexe Planung mit den vielen Strängen und Schritten, die alle voneinander abhängig sind, besser hin - ohne dass das meine ganze Zeit auffrisst?
Das Gespräch war eher eine Coachingstunde als eine Produktrecherche. Und irgendwann kam die Frage, die alles gedreht hat:
Was hast du eigentlich vor mit der Zeit, die frei wird? Willst du dann einfach noch mehr schaffen? Oder noch eine Firma gründen?
Ich musste laut lachen, mitten im Park, weil beides bei mir wirklich naheliegt.
Meine Antwort war trotzdem sofort da, und ich glaube inzwischen, sie ist der Kern von allem, was danach passiert ist. Ich will meine Zeit in die Dinge stecken, die am Ende den Unterschied machen. In das, was wirklich einzigartig ist. Nicht in den x-ten Post, den ich plane und hochlade.
Was daraus geworden ist
Ich bin da nicht mit der Idee reingegangen, mir KI-Agenten zu bauen. Meine Vorstellung war eine persönliche Assistenz, die mir die Planung abnimmt. Mehr nicht.
Ziemlich schnell war klar, dass das nicht reicht. Meine Tätigkeiten hängen zu sehr ineinander, als dass ein einzelner Agent daraus etwas machen könnte. Es musste ein ganzes System werden: eine neue Architektur für die LernRad und all die anderen Dinge, die ich so mache, Agenten für die einzelnen Rollen und darunter eine Datenbank und eine programmierte Software, die das alles zusammenhält.
Die technischen Details spare ich mir hier. Mir geht es um die Geschichte dahinter.
„Dann stell doch einfach Leute ein"
An dieser Stelle kommt genau das zu Recht - der naheliegendste Einwand von allen.
Zwei Gründe, und der erste ist der schlichteste. Personal muss man sich leisten können. Ich muss meine Familie ernähren, und LernRad schafft das endlich, nach fünf Jahren ohne einen einzigen Cent Gehalt. Ein Team aufzubauen hieße, genau diese Sicherheit wieder aufzugeben und einen Teil meines Gehalts an jemand anderen zu zahlen. Dagegen haben meine Geschäftspartnerin und ich uns ganz bewusst entschieden. Wir sind noch nicht so weit, dass wir ein Team sicher finanzieren können.
Der zweite Grund: Führen ist eine eigene Arbeit. Ich weiß aus langjähriger Erfahrung, was es bedeutet, ein Team zu führen und das auch gut zu machen. Es kostet wahnsinnig viel Zeit, und zwar genau die, die ich eigentlich schützen wollte.
Was die Agenten nicht anfassen
Eine Sache muss ich sehr deutlich sagen.
Kein Fall, kein Kurs, keine Didaktik kommt aus einer KI.
Wir stehen vor der Kamera, wir entwickeln die Didaktik, wir recherchieren und bauen die Fälle, schreiben Texte. Die Agenten machen den Betrieb drumherum: Planung und Vorausplanung, Termine und Fristen, die Handgriffe im Marketing, das Aufbereiten von Material, das wir aufgenommen haben. Und nichts geht raus, was nicht eine von uns freigegeben hat.
Ich sage das so deutlich, weil ich weiß, wie es von außen klingen kann, wenn jemand erzählt, er ergänze seine Firma mit KI-Agenten. Dass jemand denkt, unsere Kurse kämen aus einer Maschine, wäre für mich das Schlimmste, das passieren kann – denn genau das Gegenteil ist die Motivation dahinter.
Warum ausgerechnet das die Währung wird
Damit sind wir bei dem Gedanken, der mich seit Wochen nicht loslässt.
Immer mehr Menschen erstellen ihre Inhalte mit KI. Was wird unter diesen Bedingungen eigentlich in der Zukunft noch relevant sein?
Meine Antwort ist: Das Vertrauen. Das Vertrauen, dass die Person, die da vor der Kamera steht, immer noch die Person ist. Dass die, die didaktisch arbeitet, ihre eigene Handschrift trägt. Dass sie aus ihrer Erfahrung heraus spricht und ihre eigenen Fälle zeigt, auch die Stellen, an denen sie selbst unsicher war. Und auch Authentizität gehört da für mich in dieselbe Kategorie.
Das klingt heute noch selbstverständlich. Aber es wird ein knapperes Gut werden, nicht weil jemand böse Absichten hätte, sondern weil es an hundert Stellen leichter ist, etwas automatisiert erzeugen zu lassen, als es selber zu machen.
Und hier schließt sich der Kreis zu der Frage im Schlossgarten. Die Zeit in die Dinge stecken, die den Unterschied machen, heißt heute vor allem: alles andere abgeben. Nicht das Fachliche. Das Drumherum, das mir die Stunden wegnimmt, in denen ich sonst an einem Fall sitze.
Genau dafür gibt es jetzt meine Agenten.
Was ich dabei über mich gelernt habe
Ich habe irgendwann im Coaching angefangen, aufzuschreiben, wie ich eigentlich denke, plane und angesprochen werden will. Das muss man nicht. Für ein Agentensystem braucht es das nicht, und ich kenne kein anderes, in dem so etwas steht. Es ist trotzdem der Teil, auf den ich am stolzesten bin.
Angefangen hat es mit einer harmlosen Frage: Wie will ich mit diesen Agenten eigentlich zusammenarbeiten? Und wie will ich, dass sie miteinander arbeiten? Und darüber bin ich zum ersten Mal bei einer anderen Frage gelandet, der ich vorher nie nachgegangen bin. Warum kostet mich Zusammenarbeit manchmal so viel Kraft?
Nicht die Arbeit. Das Drumherum. Die Schleifen, die Umwege, die Form, in die man eine Aussage verpacken soll, bevor man sie sagen darf. Small talk. Das kostet mich Kraft, die dann bei der eigentlichen Arbeit fehlt.
Also steht es jetzt da. In den Rollenbeschreibungen und in einer Datei über mich, damit die Agenten nicht mit der Zeit wieder in Floskeln zurückrutschen.
Dabei ist mir auch klar geworden, woran alle fertigen Systeme vorher gescheitert sind. Eines, das für mich funktioniert, muss zwei Dinge gleichzeitig können. Es muss an meine Art zu denken und zu planen angepasst sein. Und es muss mich trotzdem mit allen anderen synchronisieren, die in derselben Kette hängen: mit meiner Geschäftspartnerin, die auch Inhalte erstellt und reviewt, mit dem Editor, der den Videoschnitt macht, und mit meiner Familie, die auch Ansprüche hat - zu Recht.
Das konnte keines der Systeme, die ich je ausprobiert habe.
Wo ich gerade stehe
Nichts davon ist fertig. Ich baue es parallel zur normalen Arbeit und mache dabei so ziemlich alle Fehler, die man dabei machen kann. Eine unfassbar steile Lernkurve. Es hat meinen Arbeitsalltag und ehrlich gesagt auch meinen Lebensalltag einmal komplett auf links gedreht, es fesselt mich total, und es ist unfassbar viel Arbeit.
Meine echte Pause mache ich Ende September. Vielleicht.
Die Antwort auf die Frage nach den Produktivitäts-Tipps ist deshalb ziemlich unbefriedigend: Ich habe keine. Was ich habe, ist ein halbfertiges System, das ich mir selbst bauen musste, weil keines der fertigen zu mir gepasst hat. Davon will ich hier in Zukunft mehr erzählen, nicht als fertige Geschichte mit gutem Ende, sondern währenddessen, mit den Fehlern.
Schreib mir
Die Frage aus dem Schlossgarten geht mir bis heute nicht aus dem Kopf, deshalb gebe ich sie weiter: Was würdest du mit der Zeit machen, die frei wird?
Bis zum nächsten Mal,
Bettina
Andersdenken kommt ab jetzt einmal im Monat, dazwischen dann, wenn es einen Anlass gibt.