Die eine Entscheidung, die uns gehört
Hallo.
heute Morgen ist die neue Folge von Radiologie Klartext live gegangen. Thema: warum unser Fach in den eigenen Häusern so oft unsichtbar ist. Räumlich, kulturell, und vor allem in der Art, wie wir kommunizieren.
In der Folge steckt das ganze Bild: die drei Ebenen, der Blick auf die Niederlassung, und der unangenehme Teil, den wir selbst dazu beitragen. Hör rein, wenn dich das interessiert.
Hier gehe ich an eine einzige Stelle. An die, an der sich für mich alles entscheidet.
Vorher aber ein paar Zahlen, die ich beim Vorbereiten gefunden habe und die im Podcast nicht vorkommen. Sie machen das Ausmaß deutlicher, als jede Anekdote es könnte.
Wie wir von außen aussehen
In einer amerikanischen Erhebung wurden 307 Menschen gefragt, ob Radiolog:innen Ärztinnen und Ärzte sind. 53,5 Prozent sagten ja. 27,7 Prozent sagten ausdrücklich nein, der Rest war sich nicht sicher. Vier Jahre zuvor war das Ergebnis praktisch identisch. Es bewegt sich also nichts.
In Deutschland sieht es nicht besser aus, nur freundlicher verpackt. In einer Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Deutschen Röntgengesellschaft, rund tausend Befragte, halten 94 Prozent die Radiologie für wichtig oder sehr wichtig, 70 Prozent sind mit ihrem Radiologen zufrieden. Dann wurde offen gefragt, ohne Antwortvorgaben: Welche medizinischen Leistungen werden Ihrer Meinung nach in der Radiologie erbracht?
- 37 %
nannten frei aus dem Kopf das Röntgenbild - ~12 %
nannten CT und MRT
Zwei Drittel kamen also nicht einmal auf das Röntgenbild.
Wir haben ein ausgezeichnetes Ansehen für etwas, von dem niemand weiß, was es ist.
Beide Zahlen sind alt, und das gehört dazu. Die amerikanische Erhebung ist von 2012, verglichen wurde sie damals mit einer von 2008, praktisch ohne Unterschied. Die deutsche Befragung stammt aus dem Jahr 2010.
Ich habe nach neueren gesucht und nichts Vergleichbares gefunden. Seither hat sich in unserem Fach fast alles verändert: die Geräte, die Untersuchungszahlen, die Software, die ganze Debatte über KI. Ob sich an dieser einen Frage etwas bewegt hat, wissen wir schlicht nicht. Dass ihr in fünfzehn Jahren offenbar niemand mehr nachgegangen ist, finde ich für sich genommen aufschlussreich genug.
Meine These: Das ist kein Kommunikationsproblem nach außen. Es ist die Folge von etwas, das drinnen passiert, jeden Tag, an einer ganz bestimmten Stelle.
Die Stelle
Es gibt genau einen Punkt im Ablauf, an dem wir nicht über Freundlichkeit, Präsenz oder gutes Netzwerken drin sind, sondern per Gesetz.
Die rechtfertigende Indikation.
Bevor jemand mit ionisierender Strahlung untersucht wird, also vor jedem Röntgen und jedem CT, muss eine Ärztin oder ein Arzt mit der erforderlichen Fachkunde im Strahlenschutz feststellen, dass der Nutzen dieser Anwendung das Risiko überwiegt. Vorher, nicht hinterher. So steht es im Strahlenschutzgesetz.
Das ist keine Formalie und kein Häkchen im System. Das ist eine ärztliche Entscheidung mit Verantwortung. Formal kann diese Fachkunde auch außerhalb der Radiologie erworben werden, das ist richtig. Im Alltag der allermeisten Häuser und Praxen liegt sie bei uns.
Wir sitzen also an der ersten Weiche des ganzen Prozesses. Nicht als Gäste. Als die, die entscheiden.
Die rechtfertigende Indikation ist der Platz im Entscheidungsweg, den uns niemand nehmen kann. Und wir haben ihn trotzdem abgegeben.
Wie das passiert ist
Nicht auf einmal. Nicht durch eine Entscheidung. Schleichend.
Eine Anforderung kommt rein. Die Fragestellung lautet „Abklärung". Die klinischen Angaben sind zwei Wörter lang, und in der Niederlassung fehlen sie oft ganz, weil zwischen Zuweiserin und Praxis nichts existiert außer dem Anforderungsformular. Und wir machen die Untersuchung trotzdem. Nicht einmal, sondern als Regel.
Aus jedem einzelnen dieser Momente entsteht keine große Sache. Aus zehn Jahren davon entsteht eine Haltung, unsere eigene: Wir sind Dienstleister. Wir führen aus, was bestellt wird.
Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe, und beide muss man sich ehrlich ansehen.
Der erste ist fachlich, und er tut weh. Um eine Anforderung wirklich zu verhandeln, muss ich die klinische Frage dahinter so gut verstehen wie die, die sie stellt. Ich muss wissen, was diese Untersuchung an ihrer Entscheidung ändert und was nicht. Wenn ich heute Thorax befunde, morgen Knie und übermorgen Neuro, habe ich diese Tiefe nicht. Dann kann ich nicht auf Augenhöhe diskutieren. Dann bleibt mir nur ausführen oder pauschal blockieren, und pauschal blockieren macht man genau einmal.
Das ist der eigentliche Preis unserer Breite. Nicht, dass wir schlechtere Befunde schreiben. Sondern dass wir ausgerechnet an der Stelle, an der uns das Gesetz die Entscheidung gibt, fachlich nicht sprechfähig sind.
Der zweite Grund hat mit Fachlichkeit nichts zu tun.
Ich habe Anforderungen hinterfragt, nachgebohrt, mich auf die Hinterbeine gestellt. Manchmal habe ich mich mit einigem Aufwand tatsächlich durchgesetzt. Und dann kam die Ansage von oben. Nicht vom anfordernden Fach. Vom eigenen Oberarzt, vom eigenen Chef:
„Jetzt mach es halt."
Das ist mir nicht einmal passiert. Es ist mir so oft passiert, dass ich es irgendwann nicht mehr persönlich genommen habe.
Es ist ja auch nicht persönlich gemeint. Wenn die leistungsbezogene Vergütung einer Leitung an Untersuchungszahlen hängt, dann ist jede abgelehnte Untersuchung ein Minus in genau der Zeile, an der diese Leitung gemessen wird. Man muss kein schlechter Mensch sein, um in dieser Konstellation einzuknicken. Man muss nur das Anreizsystem lesen können.
Ich sage das nicht als Vorwurf und erst recht nicht als Klage. Ich sage es, weil man wissen sollte, wogegen man da anläuft. Wer glaubt, es ginge nur um das bessere Argument, wundert sich sonst, warum das bessere Argument nicht reicht.
Zurück zu den Zahlen
Ein Fach, das die eine Entscheidung, die ihm gehört, routinemäßig durchwinkt, wird als das wahrgenommen, was es dann tut. Als Stelle, die Untersuchungen produziert. Nicht als Ort, an dem entschieden wird.
Dass uns die Hälfte der Bevölkerung nicht für Ärztinnen und Ärzte hält, ist deshalb keine PR-Panne. Es ist eine ziemlich präzise Beobachtung.
Und es geht auch andersherum, das ist der Teil, den ich gern öfter erzählen würde. Eine Arbeit im Journal of the American College of Radiology hat 265 aufeinanderfolgende CT- und MRT-Untersuchungen daraufhin angesehen, wie gut der schriftliche Befund mit der Einschätzung übereinstimmt, die im Tumorboard am Ende gilt. Bei 30 Prozent wich sie ab, bei 11 Prozent so deutlich, dass es das weitere Vorgehen hätte ändern können.
4,5× unwahrscheinlicher war eine Abweichung, wenn die Radiologin oder der Radiologe den eigenen Fall im Board selbst vorgestellt hat.
Das ist eine Beobachtung, kein Beweis für Ursache und Wirkung. Aber die Richtung ist eindeutig: Ein Befund, der ohne seine Autorin durchs Haus reist, verliert unterwegs Information. Im Text steht, was ich gesehen habe. Im Kopf bleibt, wie sicher ich mir dabei war und welche Frage ich eigentlich gern beantwortet hätte.
Der Einwand, den ich sofort höre
„Ich kann doch nicht einfach Untersuchungen ablehnen."
Diesen Satz höre ich sofort, wenn ich über die Indikation rede. Und er geht am Punkt vorbei.
Ablehnen ist der seltene Extremfall. Es ist nicht das Ziel, und es ist auch nicht der Hebel. Der Hebel ist die Rückfrage. Was willst du wissen. Was änderst du, je nachdem wie das ausgeht. Ist die Untersuchung, die du angefordert hast, die, die dir das beantwortet.
Das ist kein Machtkampf, das ist eine ärztliche Frage. Und in neun von zehn Fällen endet sie nicht mit einem Nein, sondern mit einer besseren Untersuchung. Manchmal mit einer teureren. Der Unterschied ist nur, dass die Entscheidung dann bei der Person liegt, bei der sie ohnehin liegen soll.
„Ausgerechnet an der Stelle, an der uns das Gesetz die Entscheidung gibt, sind wir fachlich oft nicht sprechfähig." Bettina Baeßler · August 2026
Was du heute tun kannst
Eine einzige Sache, klein genug für morgen früh: Ruf einmal an. Bei dem einen Fall, bei dem dir die klinischen Informationen fehlen, oder bei dem einen Befund, der schwierig ist und bei dem du merkst, dass der Text ihn nicht trägt. Ein Anruf, zwei Minuten. Gerade in der Niederlassung, wo diese Informationen praktisch nie mitgeliefert werden, ist das oft der einzige Weg, überhaupt an sie heranzukommen. Und nebenbei ist es der Moment, in dem aus „der Radiologie" eine Person wird, die man beim nächsten Mal anruft.
Schreib mir
Wann hast du zuletzt eine Anforderung wirklich hinterfragt? Und was ist danach passiert?
Bis zum nächsten Mal,
- Bettina Baeßler
P.S. Die neue Folge Radiologie Klartext gibt es hier: bettina-baessler.de/klartext. Und die Arbeit zum Tumorboard, falls du die Zahlen selbst nachlesen willst: Journal of the American College of Radiology 2018, „Radiologist Quality Assurance by Nonradiologists at Tumor Board".