Diagnostik oder Bestellungen.
Hallo.
heute Morgen ist die dritte und letzte Folge meines Gesprächs mit Alex live gegangen. Alex ist MTR, und wir haben über etwas geredet, das uns beide ehrlich nervt: ein CT-Protokoll, das keine Evidenz mehr hat und sich trotzdem hartnäckig hält — die rektale Füllung bei Verdacht auf Sigmadivertikulitis.
Wenn du die drei Folgen noch nicht gehört hast — hör rein. Da steckt die ganze Evidenz drin: das Konsenspapier der AG Abdomen, die Argumente für den Alltag, die zwei Ausnahmen, bei denen rektales Kontrastmittel wirklich noch indiziert ist.
Dieser Newsletter ist nicht die Zusammenfassung davon. Er ist der eine Satz, an dem ich hängengeblieben bin. Alex und ich haben die letzte Folge damit eröffnet:
„Es gibt zwei Arten, Radiologie zu machen. Die eine stellt Diagnosen. Die andere erfüllt Bestellungen."
Klingt hart. Ist aber genau der Punkt. Denn die rektale Füllung ist nicht das eigentliche Thema. Sie ist nur das Symptom.
Worum es wirklich geht
Kurz zur Sache, damit wir auf demselben Stand sind. Ende letzten Jahres hat die AG Abdomen der Deutschen Röntgengesellschaft ihre Expertenempfehlung zur enteralen Kontrastierung im CT veröffentlicht. Für die Divertikelkrankheit steht da, im starken Konsens, ein klarer Satz: keine ergänzende enterale Kontrastierung, und ausdrücklich keine rektale Füllung — weder mit positivem noch mit neutralem Kontrastmittel.
Das ist keine Geschmacksfrage. Die perikolische Fettgewebsimbibierung, die Wandverdickung, ein Abszess, freie Luft bei Perforation — all das sehe ich auch ohne Kontrastmittel. Das rektale KM bringt diagnostisch nichts, es kann Befunde sogar maskieren, und für den Patienten ist es eine Zumutung. Eine Sigmadivertikulitis erkennt man auch ohne jede rektale Füllung. Klar und eindeutig.
Und trotzdem wird sie gemacht. Jeden Tag. Die Frage ist: warum?
Der Satz, den ich am häufigsten höre
Die häufigste Antwort lautet nicht „weil wir es nicht besser wissen". Sie lautet: „Aber der Chirurg will das so."
An diesem Satz entscheidet sich alles. Denn er verrät eine Haltung. Er sagt: Ich führe aus, was ein anderes Fach bestellt. Ich bin Dienstleister. Wenn die Anforderung „mit rektaler Füllung" lautet, dann fülle ich rektal — auch wenn ich weiß, dass es nichts bringt, dem Patienten wehtut und meine eigene Diagnostik eher verschlechtert.
Und jetzt der Teil, der wirklich wehtut. Es ist bequem, das auf die Chirurgen zu schieben — die wollen das halt so. Aber das stimmt höchstens zur Hälfte. Mindestens genauso oft sitzt der Widerstand in den eigenen Reihen. Es sind die eigenen Kolleg:innen, die auf der Füllung bestehen — mit genau dem Satz, den wir von außen so gut kennen: „Das haben wir immer schon so gemacht." Niemand zwingt uns das auf. Wir halten selbst daran fest. Unbequem, ja. Aber auch die bessere Nachricht: Was wir uns selbst auferlegen, können wir auch selbst ändern. Ganz ohne Erlaubnis von außen.
Ich habe mich selbst nie als Dienstleisterin gesehen. Ich kannte die Evidenz, ich habe mich festgelegt, ich habe dagegengehalten. Und trotzdem kenne ich den Moment, in dem es kippt, sehr genau. Denn der, der dir in den Rücken fällt, ist meistens nicht der Chirurg. Es ist der, von dem du es am wenigsten erwartest: der eigene Oberarzt, der Chef. Der, der eigentlich hinter dir stehen müsste, beschwichtigt — „jetzt mach es halt, ist doch egal" — und fällt um wie ein Stehaufmännchen. Und plötzlich stehst du mit der Evidenz allein da, und alles, was du an Standard aufbauen wolltest, ist an dem Tag erledigt.
Und genau in dem Moment machen wir uns selbst überflüssig. Wenn das Einzige, was wir noch tun, das Abnicken fremder Bestellungen ist — wofür braucht es uns dann noch? Dann kann der Chirurg das CT auch gleich selbst befunden.
Jetzt der ehrliche Teil
Ich erzähle das nicht von einem Podest herab. Ich nehme mich nicht aus.
Ich habe selbst eine SOP zur oralen Kontrastierung geschrieben, lange bevor dieses Paper existierte — mit Literaturrecherche, Wochenenden, Überzeugung. Und bin gegen Wände gelaufen. Nicht bei den Chirurgen. Bei den eigenen Leuten. Kolleg:innen, die das Neue nicht akzeptieren wollten. Am Ende habe ich Revisionen gemacht, das Kontrastmittel an Stellen wieder eingebaut, an denen ich es längst rausgenommen hatte. Ich habe nachgegeben, weil der Widerstand an dem Tag größer war als mein Durchhaltevermögen.
Das ist der unangenehme Teil: In dem Moment habe ich genau das getan, was ich hier kritisiere — den bequemeren Weg genommen. Und so überlebt ein überholtes Ritual. Nicht durch böse Absicht, sondern durch lauter kleine Momente, in denen Nachgeben leichter ist als Dranbleiben.
Warum ich es trotzdem sage
Solche Empfehlungen entstehen nicht, weil drei Leute im Elfenbeinturm nichts Besseres zu tun hatten. Da haben sich Menschen jahrelang in die Studienlage eingelesen, eine breite Umfrage gemacht — ich habe mich daran beteiligt — mit einem Ziel: die Versorgung verbessern, die Belastung für Patient:innen und Personal senken, die diagnostische Qualität hochhalten. Und dann stellt das jemand aus einem anderen Fach mit einem „das will ich aber so" infrage.
„Unsere Aufgabe ist nicht, Bestellungen auszuführen. Sie ist, zu entscheiden, wie die beste Diagnostik aussieht — und das auch zu vertreten." Bettina Baeßler · Juni 2026
Ich weiß, dass ich mir mit diesem Satz nicht überall Freunde mache. Ich bin trotzdem überzeugt davon. Denn die Alternative ist, dass wir uns selbst abschaffen.
Und damit das hier keine Klage wird: Der Weg dahin ist kein Streit auf dem Flur, während der Patient auf dem Tisch liegt. Das ist der schlechteste Zeitpunkt für jede Veränderung. Der Weg ist der ruhige, wertschätzende Dialog vorher — die SOP, die du gemeinsam mit den Zuweisern schreibst, nicht gegen sie. Oft steckt hinter dem „das will ich so" nämlich keine Sturheit, sondern eine Sorge: etwas zu übersehen. Nimm die Sorge ernst, biete eine Testphase an, mit der Option, jederzeit zurückzukönnen — und der Widerstand wird kleiner. Nicht das Rechthaben überzeugt. Das gemeinsame Ziel überzeugt: der Patient, nicht der Sieg.
Was du heute tun kannst
Eine einzige Sache, klein genug für morgen früh: Wenn das nächste Mal ein Protokoll bei dir landet, das du eigentlich nur „so machst, weil man das so macht", stell die eine Frage — dir selbst oder dem Zuweiser: Was genau ändert das an der Diagnose? Wenn die ehrliche Antwort „nichts" ist, hast du eine Bestellung erkannt, die sich als Diagnostik verkleidet. Und wenn du MTR bist: fordere die SOP ein. Einfach verlangen.
Bei LernRad ist genau diese Haltung Teil unserer DNA. Wir bilden am Fall aus, vom Bild zum Befund, mit dem eigenen Urteil zuerst — weil ein eigenständiges Urteil die Voraussetzung dafür ist, überhaupt entscheiden zu können, statt nur auszuführen.
Schreib mir
Wo erfüllst du gerade Bestellungen — obwohl du eigentlich entscheiden müsstest?
Bis zum nächsten Mal,
— Bettina Baeßler
P.S. Das Konsenspapier der AG Abdomen — lesenswert, weil das, was drin steht, direkten Einfluss auf die klinische Versorgung hat: doi.org/10.1055/a-2750-0204.